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Jenseits von Fraktionssitzungen und Plenarsälen

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Politische Talkrunden sehen meistens gleich aus: Vermeintliche Expertinnen und Experten tragen zu bestimmten Themen ihre fertig formulierten Meinungen, Ansichten und Parteiprogramme vor – in der Regel ohne Bezug zum Publikum. Rückfragen und Diskussionen sind nicht erwünscht. Man bleibt lieber unter sich. Dass man aber auch ganz anders über politische Themen sprechen kann, konnte man am Montag den 3. April im Kesselhaus der Weberei in Gütersloh live miterleben. Poetry Talk nennt sich die Mischform aus Poetry Slam und Politiktalk, die Susanne, zusammen mit Moderator Jonas Helmich, am Montagabend das erste Mal nach Gütersloh gebracht hat.

Poetry Talk ist das genaue Gegenteil von herkömmlichen Politik-Talkrunden, die umgehend das Bild von „Elefantenrunden“ und Fachtagungen hervorrufen. Poetry Talk lebt gerade von der Interaktion zwischen Publikum, SlamerInnen und ModeratorInnen. Im Besten Fall ist das Publikum dabei kritisch, meinungsstark und aktiv. Resonanz erhalten die TeilnehmerInnen durch Applaus, Emotionen und Redebeiträge. Wie es aussieht, wenn dieses Zusammenspiel richtig gut funktioniert, konnte man am Montagabend live miterleben.

Susannes Begrüßung spiegelte den experimentellen Charakter direkt gut wider. „Es ist ein Versuch“, sagte Sie offen. Ein Versuch, der bezeichnend ist für Susanne als Mensch und Politikerin. Eine derart neue und unerprobte Veranstaltungsform wäre für die meisten PolitikerInnen viel zu unsicher. Immerhin hätte man auch vor leeren Stühlen stehen können. Oder eben mit vorgeschriebenen Antworten in einer Politiktalkrunde sitzen. Susanne aber sieht die Möglichkeiten, die der nahe Kontakt und der Austausch mit den Menschen mit sich bringen. Wer wirklich gegen die viel zitierte Politikverdrossenheit (ein schrecklicher Begriff) angehen möchte, der richtet einen Poetry Talk aus. Wenn Johanna Uekermann (Bundesvorsitzende der Jusos) fordert, man müsse junge Menschen ernst nehmen, denkt sie wahrscheinlich an Veranstaltungen wie diese.

Wie sehr diese jungen Leute dann abliefern können, haben die vier SlamerInnen gezeigt. Den Anfang machte der Bielefelder Niko Sioulis. Schon sein erster Satz regte dabei zum Nachdenken an: „Mich gibt es gar nicht wirklich.“ Damit spielte er auf die Themen gefühlte Wahrheiten und selektive Wahrnehmung an. Ein Thema, das nicht zuletzt durch bewusst gestreute „Fake News“ selbstverständlich auch die Politik beschäftigt.

Marina Falke kam aus Bochum und hatte einen Text über das Verhältnis zu Technik und Sozialen Medien im Gepäck. Sie beschrieb das moderne Verhältnis zum Smartphone, das nahe an der Religiosität liegt und, um im Bild zu bleiben, die Abkehr von derselben. Sie teilte auch ihre ganz persönlichen Erfahrungen aus ihrer selbstauferlegten smartphonefreien Zeit. In der Folge wurde über den Sinn beziehungsweise Unsinn eines eigenständigen Bundesministeriums für Digitalisierung diskutiert.

Aus Wattenscheid war Jan Bühlbecker zu Gast. Sein Text behandelte das Grundthema Freiheit. Vor allem zeigte er auf, dass persönliche Freiheiten auch immer als negative Freiheiten zu begreifen sind. Denn die Freiheit des einen geht nur so weit, bis sie die Freiheit einer anderen einschränkt. Jan hat bereits angekündigt, das Veranstaltungsformat auch in seiner Heimat Wattenscheid auszuprobieren.

Der Slamer Jay Nightwind aus Essen hatte abschließend noch einen ganz besonderen Text parat, in dem das lyrische Ich ein Aussteiger aus der rechten Szene ist. Dadurch ist es ihm auch nach seiner Abkehr von Nazi-Gedankengut und Hitlergruß noch unmöglich, einen Job zu finden und wieder ein vollwertiger Teil der Gesellschaft zu werden. Mit diesem Szenario hielt er so dem vermeintlich liberal und sozial eingestellten Publikum geschickt einen Spiegel vor. Wie tolerant müssen wir gegenüber Intoleranz sein? Damit machte er auf ein unterrepräsentiertes Problem aufmerksam, das eine grundsätzliche Frage über unsere Art des gesellschaftlichen Zusammenlebens aufwirft. Politik und Gesellschaft sind eben untrennbar miteinander verbunden.

Insgesamt hat der Poetry Talk eines ganz deutlich gezeigt: Politik ist nicht etwas weit Entferntes, das nur „denen da oben“ gehört. Politische Inhalte sind überall in unserem Alltag zu finden. Man muss es eben nur unverkrampft und auf Augenhöhe darüber sprechen – und junge Leute haben eine ganze Menge dazu zu sagen.

 

Lukas Koch, Student der Politikwissenschaft, Uni Bielefeld